Karlsruhe, Deutschland und die Welt: Wie ist es anderswo ‚unter dem Regenbogen‘?

„Was wollen die Schwulen denn noch? Ist doch alles legal, die können sogar heiraten, und die Lesben auch!“ So ähnlich sind zuweilen die Wortmeldungen (mutmaßlich heterosexueller) Mitmenschen. Nicht ganz falsch, aber auch nicht vollkommen richtig. Wie gut es den in Deutschland lebenden Schwulen, Lesben und Transgenders tatsächlich geht, macht ein Blick über den bundesdeutschen Tellerrand deutlich.

Sehen wir mal nach Saudi-Arabien, wo Frauen bekanntlich keine Kraftfahrzeuge führen dürfen. Wie mag es da erst einer Lesbe gehen, oder einem Mann, der sich für Männer interessiert? Homosexualität ist verboten, sexuelle Handlungen werden bestraft. Die Todesstrafe wird mittlerweile nicht mehr verhängt, aber die Gerichte verhängen weiterhin mehrjährige Gefängnisstrafen oder eine drei- bis vierstellige Anzahl Peitschenhiebe.
In Deutschland ist der berüchtigte §175 des Strafgesetzbuches seit 1994 aufgehoben und Homosexualität kein Straftatbestand mehr. Im Rahmen der ersten rot-grünen Bundesregierung wurde die Eingetragene Lebenspartnerschaft geschaffen. Schwule und Lesben sind im Erbrecht, bei der Versorgung und mittlerweile auch beim Steuerrecht Ehepartnern gleichgestellt, wenn die Betroffenen sich aktiv dafür einsetzen (ein entsprechendes Gesetz fehlt hier noch).

Schauen wir nach Baku. Hier findet der diesjährige Eurovision Song Contest statt. Die Erfahrenen erinnern sich: 1998 hat die Transsexuelle Dana International bei dieser Veranstaltung gewonnen. Klingt gut, was den ESC angeht. Wie ist es aber bestellt um die Homo- und Transgenderrechte in Aserbaidschan? Grundsätzlich ist Homosexualität legal, wie in Deutschland. Dann beginnen jedoch die Unterschiede: Von einer gesellschaftlichen Toleranz kann keine Rede sein in Aserbaidschan. Stattdessen wird das Thema totgeschwiegen. Entsprechend Wenige bekennen sich zu ihrem Anderssein, weder die Freunde noch die Familie erfahren, was im Innersten der Frauen, Männer und Transgender vorgeht.
In Deutschland haben jahrzehntelange Anstrengungen durchaus Früchte getragen, ab den Achtzigern auch mit CSD-Paraden. Das gesellschaftliche Klima hat sich verändert. Immer mehr Menschen offenbaren sich früher oder später im Freundes- und Bekanntenkreis, teilweise auch am Arbeitsplatz. So gesehen geht es uns natürlich verdammt gut!

Anders im russischen St. Petersburg, hier dürfte dieser Artikel gar nicht existieren. Seit kurzem ist dort jegliche Information über Regenbogen-Themen als „homosexuelle Propaganda“ verboten. Grundsätzlich ist Homosexualität in Russland zwar legal, das offene Ausleben wird jedoch massiv behindert. Das bekommen nicht zuletzt Teilnehmer/innen des Moskauer CSD jedes Jahr zu spüren, wenn die Polizei gewaltsam gegen die Demonstranten vorgeht, statt sie vor rechtsradikalen Angriffen zu beschützen!

Bei dieser Schilderung wird einem ganz anders. Wie gut es uns doch geht! Das stimmt, verglichen mit anderen Ländern geht es uns schon verdammt gut. Aber auch wenn wir auf hohem Niveau jammern, haben wir immer noch gute Gründe dafür:
Verheiratete haben immer noch erhebliche Vorteile gegenüber Verpartnerten (und Nichtverpartnerten sowieso). In Deutschland können weiterhin nur ein Ehepaar oder eine Einzelperson ein Kind adoptieren – zwei Adoptivväter oder -mütter kann ein Kind rechlich nicht haben!
Und die Ablehnung auf deutschen Schulhöfen wird auch seit einigen Jahren wieder deutlicher hörbar, das Wort schwul hat nach einer gewissen Aufwertung wieder eine krasse Abwertung erfahren, und Schwuchtel ist eines der fiesesten Schimpfwörter überhaupt gegenüber Jungen.
Oder das Thema Coming-Out am Arbeitsplatz: Für zahlreiche Lesben und Schwule wäre ein allzu freimütiges Bekenntnis immer noch eine Einladung zum Mobbing, im schlimmsten Fall ein Freifahrschein zur Arbeitsagentur! Es gibt zwar das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, aber die Diskriminierung zu beweisen ist oft schwierig.
Damit können wir nicht zufrieden sein! Das können wir nicht akzeptieren! Wir wollen stattdessen dafür sorgen, dass wir akzeptiert werden! Wenn wir den Einen oder die Andere mit dem CSD zum Nachdenken in eine andere Richtung anregen, haben wir schon ein bisschen etwas gewonnen. Nutzen wir die Gelegenheit und zeigen uns so, wie wir sind – als Menschen, die leben und lieben wollen, wie wir eben sind. Mit Recht.

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